Abrechnung als Heilpraktiker (Physiotherapie), welches Leistungsverzeichnis?

Für den Heilpraktiker (HP) gibt es keine rechtlich bindende Gebührenordnung (Gebührentaxe), deshalb ist er generell in der Kalkulation seiner Honorarhöhe frei.
Als Orientierungshilfe gibt es zwar das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH), in dem viele Leistungen des Heilpraktikers aufgelistet worden sind. Es ist aber ohne eine rechtliche Verpflichtung für den Heilpraktiker. Krankenkassen wollen den HP gerne indirekt dazu verpflichten, sich nach dem - seit 1985 monetär eingefrorenen - Gebührenverzeichnis zu richten und verweigern nicht selten die Leistungen gegenüber Ihren Versicherten, wenn der HP die GebüH nicht benutzt hat. Es steht aber ausdrücklich in dem vom Bundesverband der Heilpraktiker herausgegeben Gebührenverzeichnis, dass auch andere Verzeichnisse herangezogen (letzter Satz, Seite 2) oder ähnliche Behandlungsmethoden als sogenannte Analog-Ziffern benutzt werden dürfen.
Auf der anderen Seite ist jeder Privatversicherte natürlich an das gebunden, was in seinem Versicherungs-Vertrag steht. Darauf bräuchte der HP letztlich keine Rücksicht zu nehmen, aber die Patienten würden ausbleiben, wenn die Rechnungen gar nicht oder nur zu einem geringen Teil erstattet würden und nur die allerwenigsten Patienten nehmen den dornigen und langatmigen Weg auf sich, gegen evt. willkürliche und unberechtigte Leistungskürzungen seitens der Krankenkasse zu klagen (siehe Beispiel unter Ziffer 18.1-2).
Für Heilpraktiker (Physiotherapie) läge es am Nächsten, das Leistungsverzeichnis zu nehmen, in dem Ihre ureigensten Leistungen beschrieben sind und das ist nun mal das Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen (z.B. Allgemeine Krankengymnastik (Pos. 20501) oder Manuelle Therapie (Pos. 21201 multipliziert mit einem Faktor von 1,5-2,0). Die so vergüteten Leistungen entsprächen dann denen von Privatpatienten. Mehrere Gründe sprächen dafür: erstens ist das Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Kassen viel anschaulicher als das GebüH. Allerdings fehlen im Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen zwei wichtige Positionen, die jeder Physiotherapeut für gesetzlich und Privatversicherte kostenlos erbringen muss: 1. Befunderhebung und 2. eine Gesprächs- / Beratungsgebühr. Als Heilpraktiker kann er diese als eigene Kostenpositionen in Rechnung stellen. Zweitens die GebüH ist völlig veraltet. Das Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Kassen wird dagegen durch die jährlichen Tarifverhandlungen zwischen Kassen und Berufsverbänden regelmässig angepasst - zwar wegen der Grundlohnsummenbindung nur (aufgehoben aufgrund HHVG vom 2017-2019) - mit geringen, aber immerhin jährlichen Preiserhöhungen. Drittens beschreibt es exakt die Leistungen, die Physiotherapeuten im Rahmen ihrer Ausbildung auch befähigt und befugt sind als Heilpraktiker (Physiotherapie) zu erbringen. In der GebüH müssen viele Kleinstpositionen zu einer Rechnung "konstruiert" werden. Zudem gibt es im GebüH nur wenige Positionen, die für physiotherapeutische Behandlungen in Frage kommen. 
Alle Heilpraktiker müssen ihre Patienten hinsichtlich der Kosten einer Behandlung ausreichend informieren (siehe Patientenrechtegesetz). In aller Regel wird mit dem Patienten eine mündliche Honorarvereinbarung getroffen, die offen legt, welche Gebühren für die einzelnen Leistungen oder Konsultationen in Rechnung gestellt werden. Generell gilt: wenn keine Honorarvereinbarung getroffen ist (mündlich oder schriftlich), kann der Patient davon ausgehen, dass sich die Honorarforderungen des Heilpraktikers innerhalb des GebüH 1985 bewegen. Wenn Sie aber mit dem Patienten eine Honorarvereinbarung (Dienstvertrag nach §611 BGB) treffen, ändern sich die vertragsrechtlichen Konsequenzen. Denn ein Dienstvertrag ist nach höchstrichterlicher Rechtsprechung durch den BGH auch für eine private Krankenkasse bindend und ist vorrangig zu behandeln! 
In dem Urteil des OVG Koblenz (Urteil 6 A 10271/06.OVG des OVG Koblenz vom 21.11.2006) hat das Gericht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Heilpraktiker (Physiotherapie) nur solche Leistungen eigenständig abgeben dürfen, die sie auch als Physiotherapeuten (aufgrund einer ärztlichen Verordnung) abgeben würden. Die nach dem Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen in Rechnung gestellten Leistungen entsprechen dieser Forderung des OVG Koblenz. Und sofern bei einem Patienten eine medizinische Notwendigkeit für eine Behandlung durch einen Heilpraktiker vorliegt, müssen diese Kosten von der privaten Krankenversicherung übernommen werden. Dies hat das Landgericht Münster entschieden (Landgericht Münster, Urteil vom 17.11.2008 - 15 O 461/07 -). 

Positionen des GebüH, die für eine geläufige heilpraktisch-physiotherapeutische Behandlung in Frage kommen sind:
1.0 Erstuntersuchung / eingehende Untersuchung (nur 1x pro Behandlungsfall abrechnungsfähig)
4.0. Eingehende Beratung, die das gewöhnliche Mass übersteigt (nur als alleinige Leistung)
5.0. Beratung (nur 1x pro Behandlungsfall), ebenso Ziffern 6.0-8.0
9.0. Hausbesuch (sowie 9.3. und 10.0 ff.)
17.1. Neurologische Untersuchung (als Teil des physiotherapeutischen Befundes bei neurologischen Erkrankungen)
18.1-2 Heilmagnetische Behandlung* (da es diese in der Physiotherapie nicht gibt, kann diese Ziffer als sogenannte Analog-Ziffer abgerechnet werden also A18.1-2 für ähnliche Behandlungen wie z.B. Manuelle Therapie)
*Zur Heilmagnetischen Behandlung {was soll das sein? Handauflegen??} ist anzumerken, dass einem meiner Patienten die Leistungserstattung dieser Ziffer mit der Begründung verweigert wurde, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für diese Methode geben würde!
20.1. Atemtherapie
20.2. Nervenpunktmassage (Triggerpunktmassage als Analog-Ziffer)
20.4. Teil-Massage
20.5. Gross-Massage
20.6. Sondermassage z.B. Manuelle Lymphdrainage 
20.8. Einreibungen zur Therapie in die Haut
22.1. Inhalationen
27.3  (unblutiges) Schröpfen mit Schöpfgläsern
27.5. Schröpfkopfmassage
33.2. Elastische Stütz-, Tape- oder Pflasterverbände
34.1  Chiropraktik (Einrenkung von Extremitäten im Sinne der Manuellen Therapie)
38.1  Fango-Packungen (Heisse Rolle als Analog-Ziffer)
38.2  Paraffinpackung
39.6  Bestrahlung mit Heizsonnen (z.B. Wärmestrahler)
39.12 Reizstromtherapie (Elektrostimulation als Analog-Ziffer)
39.13 Ultraschallbehandlungen


Es fehlen Ziffern für Allg. Krankengymnastik (KG), spezielle neurophysiologosche Behandlungsmethoden wie PNF, Bobath, Vojta (KG-ZNS), Eisanwendungen / Kaltpackungen, D1, Manuelle Therapie, Atemtherapie bei Mukoviscidose.

Nützliche links:
http://www.amazon.de/Heilpraktiker-für-Physiotherapie-verständliche-praktischen/dp/3863170024
http://www.sasse-heilpraktikerrecht.de/heilpraktikerrecht/honorarrecht.php
http://www.sasse-heilpraktikerrecht.de/aktuelles/details.php?Kunde=1122&Modul=3&ID=18024

Amtsgericht München vom 28.6.2017 Urteil (Az. 158 C 513/17):
https://www.rechtsanwaltalt.de/artikel/private-krankenversicherung-muss-vollständige-kosten-für-physiotherapeutische-behandlung-und-heilpraktikerbehandlungen-tragen/
Zitat: "Hinsichtlich der gegenständlichen Leistungen eines Heilpraktikers besäße das Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker, auf welches sich die Beklagte zur Rechtfertigung ihrer Erstattungspraxis berief, bereits keine Rechtsnormqualität. Es stelle damit bereits keine ärztliche Gebührenordnung im Sinne der maßgeblichen Versicherungsbestimmungen dar, vielmehr handele es sich hierbei um ein Umfrageergebnis unter den in Deutschland niedergelassenen Heilpraktikern bezüglich ihrer durchschnittlich üblichen Vergütung."


 ergänzt am 2.9.2017


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